Projektbeschreibung

Horizontale und vertikale Flugmuster von Heringsmöwen und Basstölpeln in Bezug zu Windparks in der AWZ der deutschen Nordsee (WINDBIRD)

Zuwendungsgeber:
Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages; FKZ 0325281

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Stefan Garthe, Dr. Anna-Marie Corman

Seit 2011 sind bereits mehrere Offshore-Windparks in der deutschen Ausschließlichen Wirtschaftszone (AWZ) der Nordsee zumindest teilweise in Betrieb gegangen. Bis 2014 werden nach derzeitiger, konkreter Planung eine Reihe weiterer Windparks folgen. Für die Brutvögel der deutschen Nordseeküste, die in diesen Bereichen Nahrung suchen, wird es dabei zu großflächigen Überlappungen ihrer Verbreitung auf See mit den errichteten Windparks kommen.
Während die Verbreitung und die Flugmuster brütender Seevögel in den Niederlanden und Großbritannien bei den Genehmigungsverfahren für Offshore-Windparks als wichtige Entscheidungsgrundlage herangezogen werden, kam dies ist in Deutschland bisher kaum zur Anwendung. Dieses Forschungsprojekt soll daher klären, inwieweit die Verteilungsmuster der heimischen Seevögel durch die Offshore-Windparks in der deutschen AWZ beeinflusst werden.

Dabei sind nach bisherigem Kenntnisstand Effekte der Windparks auf die Tiere zu erwarten. Einerseits könnte es positive Effekte geben, vor allem durch Anlockung aufgrund der menschlichen Aktivitäten in den Windparks, auch verbunden mit zusätzlichen Nahrungsquellen sowie Rastmöglichkeiten auf den Plattformen. Andererseits birgt eine verstärkte Anlockung, wie wir es vor allem bei der Heringsmöwe erwarten würden, aber auch ein größeres Kollisionsrisiko. Weiterhin könnte es nach aktuellem Kenntnisstand auch zu Meidungseffekten und damit zu Habitatverlusten für die Vögel kommen.

Um die möglichen Auswirkungen der in Betrieb bzw. befindlichen Windparks in der AWZ der deutschen Nordsee auf die Flugmuster brütender Seevögel der deutschen Nordseeküste zu untersuchen, stehen drei Hauptziele im Vordergrund:
(1) Aufzeichnung und Analyse der horizontalen und vertikalen Flugmuster von auf Helgoland bzw. an der deutschen Nordseeküste brütenden Seevogelarten (Heringsmöwe und Basstölpel);
(2) Beschreibung und Quantifizierung möglicher Auswirkungen im Bau bzw. Betrieb befindlicher Offshore-Windparks in der deutschen AWZ auf die Flugmuster von Heringsmöwen und Basstölpeln;
(3) Abschätzung der möglichen positiven, neutralen oder negativen Auswirkungen des Betriebs von Offshore-Windparks auf die Nahrungssuchflüge und das Verhalten von Heringsmöwen und Basstölpeln.


Mithilfe der Besenderung von Basstölpeln und Heringsmöwen mit GPS-Datenloggern sollen die genauen Flugmuster der einzelnen Individuen untersucht werden. Neben der horizontalen Ortsbestimmung soll auch die individuelle Flughöhe gemessen werden. Dadurch kann beurteilt werden, ob Individuen gezielt Windparks anfliegen oder meiden, ob die Lage der Windparks keine besondere Rolle bei den Flugmustern auf See spielt und ob ein erhöhtes Kollisionsrisiko besteht. Diese Informationen sind mit Erfassungen von Schiffen und Flugzeugen aus nicht möglich, da bei diesen Surveys nur das Vorkommen, nicht aber die individuellen Flugmuster der Tiere ermittelt werden können. Der Einsatz von Datenloggern wird demnach eine wesentliche Erkenntnissteigerung gegenüber bisherigen Studien bringen. Zudem wird eine Abschätzung positiver, neutraler und negativer Auswirkungen des Betriebs von Offshore-Windparks auf die Nahrungssuchflüge und das Verhalten der heimischen Brutvogelarten Heringsmöwe und Basstölpel ermöglicht.

Im Mai 2012 konnten die ersten Heringsmöwenindividuen im Rahmen des Projektes mit GPS-Datenloggern ausgerüstet werden. Die untersuchten Brutkolonien waren Amrum, Spiekeroog und Borkum, wobei letztere hinsichtlich ihrer unmittelbaren Nähe zu bereits errichteten, sich teilweise in Betrieb befindlichen Offshore-Windparks besonders im Fokus stand. Die Datenlogger lieferten einen Überblick über die genauen Flugmuster der Heringsmöwen während nahezu der gesamten Inkubationszeit der Tiere. Für ein besendertes Tier von Borkum konnte eine teilweise Überlappung seiner Flugmuster mit im Bau bzw. in Betrieb befindlichen Offshore-Windparks nördlich der Brutkolonie festgestellt werden. Dieses Tier flog zwar mehrfach durch den Windpark alpha ventus, die Aufenthaltsdauer war mit etwa fünf bis zehn Minuten jedoch sehr kurz. Das sehr kurvige Muster der Flüge deutet auf eine Nahrungssuche im unmittelbaren Umkreis des Windparks hin, während der Windpark selbst nur durchflogen wurde. Die Amrumer Heringsmöwen verbrachten einen Teil ihrer Nahrungssuchflüge auf See im Bereich eines geplanten Windparks. Die Nahrungssuchflüge der Heringsmöwen der Spiekerooger Brutkolonie zeigten in diesem Jahr keinerlei Überschneidungen mit geplanten oder bereits errichteten Windparks.


2013 lag der Fokus der Besenderung auf dem Einsatz speziell programmierter Höhenlogger. Die Kenntnis der individuellen Flughöhen der Tiere ist für eine Bewertung der Auswirkungen von Offshore-Windparks auf die Flugmuster von Seevögeln essentiell. Während der Inkubationszeit 2013 wurden jeweils elf Tiere auf den ostfriesischen Inseln Juist und Norderney besendert, davon insgesamt acht Individuen mit den Höhenloggern. Diese lieferten Höhendaten über jeweils etwa zwei Tage: Die gemessenen Flughöhen der Heringsmöwen reichen von 0 bis etwa 720 m ü. NN. Dabei waren etwa 89% aller aufgezeichneten Positionen unter 20 m ü. NN und etwa 1% über 100 m ü. NN. Die Rotorhöhe der meisten bisher stehenden Anlagen beträgt 30–150 m, d.h. die Flüge der Heringsmöwen überschneiden sich mehr oder weniger mit dem bzgl. des Kollisionsrisikos kritischen Rotorbereich. Die mit den Höhenloggern ausgerüsteten Tiere sind jedoch nicht in die Nähe eines Windparks geflogen. Daher sollen im nächsten Jahr weitere Höhenlogger eingesetzt werden, um so auch die vertikalen Bewegungen innerhalb der Windparks auswerten zu können.


Über den aktuellen Stand der fortlaufenden Arbeiten und Ergebnisse wird an dieser Stelle regelmäßig berichtet.

Beginn und Laufzeit: Oktober 2011 bis Dezember 2014

 

 

Windbird1

 

Abb. 1: Nahrungsflüge aller Heringsmöwen, die im Jahr 2012 in den Kolonien Spiekeroog,

Borkum und Amrum mit GPS-Loggern ausgerüstet wurden.

 

 

Windbird3

 

Abb. 2.: Heringsmöwe mit GPS-Logger (Foto: V. Corman).